Mix it – die ersten 4 Wochen

DE:
Isle of Venice [I love Venice]
Das ist der Projektname für mein Kunstprojekt, das ich mir für mein halbes Jahr in Venedig überlegt habe, ich Marie Dann, Kunststudentin von der HBK aus Braunschweig. Über Instagram könnt ihr gerne in Bildern verfolgen, was sich dahinter verbirgt: https://www.instagram.com/_sl__f/

Es ist November. Seit gut 4 Wochen lebe ich nun in und um Venedig und es fühlt sich an, als sei bereits jetzt ein halbes Jahr und mehrere Jahreszeiten vergangen.
Es ist Herbst geworden, von einem Tag zum nächsten und noch dazu mit dem 4. stärksten Acqua Alta inklusive Ausnahmezustand (Hochwasser) in der Geschichte von Venedig. Zweifler am Klimawandel können mich gerne einmal hier besuchen kommen. Meine Vorstellung, die Tourismuswelle sei zu dieser Jahreszeit verebbt, ist jedoch wirklich ein Trugschluss. Und so lasse ich mich täglich einige Zeit treiben, von meinem Wohnort auf dem Lido di Venezia mit dem Vaporetto nach Norden, zur Madonna dell’Orto der 2. dichtesten Anlegestelle mit einem kurzen Fußweg zur Scuola Internationale di Grafica im historischen „Sestiere“ also Stadtviertel Cannaregio, durch schmale Gassen und über Brücken inmitten von Trauben von verwundert und verwirrt dreinblickenden Menschen, die mit ihren mit Kameras und Smartphones wahlweise mit Selfiestick verwachsen zu sein scheinen und die Wege verstopfen. Puh. So lang wie dieser Satz sind meine Tage. Hier gibt es keine Autos, hier gibt es Menschenstau, und ich bin ein Teil davon. Der Heimweg erneut für gut 40 Minuten auf dem Wasser ist für mich immer noch eine berauschende und beruhigende Erfahrung zugleich.

Langsam beginne ich, eine Routine an diesem überirdischen Ort zu entwickeln, und doch sind alle Tage neu und alle Eindrücke, Handgriffe und Schritte mit sehr außergewöhnlich erhöhter Aufmerksamkeit und Nervenkraft verbunden.
Um ein kleines Beispiel zu nennen: An der Lektion # 1 der irischen Kuratorin der Scuola an meinem ersten Arbeitstag (nachdem ich zutiefst beschämt eine geschlagene Stunde zu spät gekommen weil ich in das falsche Boot gestiegen bin und ja, das ist seither noch mindestens 2 mal passiert) arbeite ich mich noch immer ab:
„Du bist in Italien, versuch mal weniger deutsch zu sein!“
Aber ich werde besser, langsam lerne ich wie das geht, mit dem zu spät kommen und sich nicht unnötig darüber aufzuregen.

Lido
Da ich zum Zeitpunkt meiner Ankunft Ende September selbst nach zweimonatiger Suche von Deutschland aus noch keine langfristige Unterkunft habe finden können, speist sich meine Grundstimmung seither durch Aufregung und Anspannung. Zahllose Internetseiten mit mietbarem Wohnraum habe ich durchkämmt, erfolglos, da sämtliche Angebote weit entfernt von der monatlichen Erasmusförderungssumme lagen und somit keine Option darstellten. Zeitgleich habe ich versucht in letztlich 8 verschiedenen Gruppen zur Zimmersuche in Venedig des bekannten blauen Sozialnetzwerkes sowohl auf Angebote zu reagieren und selber Anfragen zu formulieren, in der Hoffnung, mit vollkommen unbekannten, im besten Fall Menschen und nicht Internetbots in Kontakt zu treten.
Das hat schließlich Früchte getragen, denn ein französischer Student hat mir auf deutsch von einem freien Zimmer in seiner WG geschrieben, das ich schließlich ausgewählt habe. Schon am Tag meiner Ankunft habe ich ein Venezia Unica Ticket (vergleichbar mit der Carte Orange oder Oyster Card) abgeschlossen, mit dem sämtliche Verkehrsmittel (Bus, Tram und Vaporetto) nutzbar sind und gleich am nächsten Tag 4 Zimmer besichtigt. Trotz des eigentlich zu hohen Preises für mein Budget habe ich mich für eine ziemlich zentral gelegene Option auf Lido entschieden, die Ca‘ Europa (Ca‘ ist Venezianisch für Casa), wie wir sie schließlich getauft haben. Hier teile ich nun das Erdgeschoss einer kleinen Villa mit 3 Mitbewohnern wobei ich glücklicherweise ein Doppelzimmer alleine bewohne; insgesamt sind wir eine Mischung junger Leute aus 6 Nationen, mit unterschiedlichsten Hintergründen und Tätigkeiten, die versuchen sich in 7 verschiedenen Sprachen auszutauschen und das Glück haben, einer verarmten alten Dame ihr Haus zu finanzieren und die Rente aufzubessern.

Venezia
In der Scuola Internazionale di Grafica arbeite ich Schulter an Schulter mit Roberta Feoli, Managerin der Druckwerkstatt, eine Künstlerin und überragende Person und hochprofessionelle Druckmeisterin und mit 2 weiteren Erasmuskolleginnen zusammen
als künstlerische Assistenz und Werkstattbetreuerin im Printshop der Schule.
Unabhängig davon wird ein Masterstudiengang im Grafikdesign für italienische und internationale Studierende angeboten. Neben meiner Teilnahme an den wöchentlichen wiederkehrenden Kursen ist auch das Arbeiten an eigenen künstlerischen Projekten in der Werkstatt möglich.
In meinen ersten vier Wochen habe ich:
rausgefunden, dass ich in Italien trotz internationalem Studierendenausweis mit meinen mehr als 26 Jahren nicht mehr als Studentin akzeptiert werde;
ein Jahresabo für die Punta della Dogana / den Palazzo Grassi abgeschlossen;
stressbedingt 1 venezianischen Naturopathen aufgesucht
und eine eigene Ausstellung im Café Noir in Dorsoduro ausgehandelt und in Vorbereitung;
2 Ausstellungen aufgebaut (Premio Leonardo Sciascia in der SIDGV und Morte Vivi & Vivi Morti mit Concepcion Garcia Sanchez bei Micromega) und 2 mal den morgendlichen Markt auf Lido besucht;
3 herzensgute Kolleginnen an meinem Arbeitsplatz gefunden;
Whatsapp (zur Kommunikation mit Italienern), moovit (zur routenplanung – google maps kann man für gewöhnlich getrost vergessen!) und hi!tide (Vorhersage für Aqua Alta) installiert;
4 verschiedene Drucktechniken, unzählige Handgriffe und Materialien kennen gelernt und erprobt (Xylografie/Holzschnitt mit Franco Vecchiet, Incisione/Radierung mit Roberta Feoli und Mathilde Dolcetti, Acquarello/Aquarell mit Sergio Bigolin und Mathilde Dolcetti, Albo Illustrato/ Bilderbuch mit Daniela Iride Murgia);
mich mindestens 5 mal schlimm verlaufen und bei erloschenem Handyakku trotzdem wiedergefunden;
grob geschätzt 67 tolle Menschen getroffen, mich ausgetauscht und Bekannt- und Freundschaften geschlossen;
80 € (Inselpreis) für italienische Bettwäsche ausgegeben;
9 italienische Bücher bei Marco Polo am Campo Santa Margherita erworben
und circa 10 Kreuzfahrtschiffe gesehen, die zumeist nachts von Schleppern durch die Stadtmitte und raus aus der Lagune gezogen werden. (Das ist kein Feuerwerk, das ist grausam und gehört verboten. Fahrt nicht mit dem Kreuzfahrtschiff nach oder durch Venedig – PREGO!)

Für relativ wenig Geld lässt sich sehr gut ein paar Nächte hier unterkommen:
Venice so Rooms inkl. Frühstück bei Luca im „So Good – Snack Bar“ (Mestre)
Foresteria Valdese (Castello)
Ca‘ Europa (Lido) … wenn mal wieder ein Zimmer frei wird.

Und nun lasse ich erstmal entspannt alles Weitere wie das Wasser der Gezeiten von überall herkommen und freue mich auf die kommenden Wochen und Monate an diesem atemberaubenden Ort, während ich hoffe, mich bald an die Feuchtigkeit in der Luft zu gewöhnen.